Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann vor allem das Recht, anderen Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.
George Orwell engl. Schriftsteller

Auf ein Wort

liebe Wardenburger

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Uwe Brandhorst Wardenburg, den 28.11.2009
Hardenbergstr. 5
26203 Wardenburg
Tel. 04407/6369
Fax 04407/8459

Auf ein Wort liebe Wardenburger!

Sonderlich aufgefallen ist er mir nie.

Zugegeben, ich bin kein besonders engagierter Fußballfan der Sonnabend für Sonnabend vor dem Fernseher hockt und sich die Bundesligaspiele ansieht.

Aber von Zeit zu Zeit lehne ich mich schon in meinem Fernsehsessel zurück, um mir die Sportschau anzusehen, damit ich weiß, wie mein Lieblingsverein - Werder Bremen - gespielt hat.

Auch schau ich mir alle Länderspiele sehr gerne an, sofern es um etwas geht. Denn Freundschaftsländerspiele, so sind zumindest meine Erfahrungen, in denen es um nichts geht, sind meistens langweilige Spiele und enden in der Regel in einer Blamage für die deutschen Nationalspieler.

Das muss ich mir nicht antun!

Ich wollte damit lediglich ausdrücken, dass ich nicht ganz unbeleckt in Sachen Fußball bin und durchaus weiß, welche Mannschaften am Wochenende gegen wen spielen und wer in unserer Nationalmannschaft spielt.

Klar kennt man dabei auch die namhaften Größen des Fußballgeschäfts, wie Ballack, Lahm, etc..

Aber, dass mir der Torwart Robert Enke von Hannover 96 in der Vergangenheit besonders aufgefallen wäre, kann ich nun nicht gerade sagen.

Gut, ich wusste, dass Robert Enke ein guter Torwart war und auch einige Male das Nationaltrikot übergezogen hatte, aber ansonsten ist er mir nicht sonderlich aufgefallen.

Und dies wäre wohl auch auf absehbare Zeit so geblieben, wenn es nicht diesen tragischen Tod von Robert Enke gegeben hätte.

Insofern kann ich diesen Medienrummel um Robert Enke nicht nachvollziehen und zum Teil blicke ich mit Fassungslosigkeit auf die Ereignisse nach dem Tod von Robert Enke zurück, was Teile der Öffentlichkeit und die Medien aus dieser Tragödie gemacht haben.

Klar ist es, dass der Tod von Robert Enke eine Tragödie ist, für das gesamte familiäre Umfeld, sowie deren Freunde und Bekannte.

Verständnis auch für diejenigen Fans und Funktionäre, die meinen, hier mit den Hinterbliebenen mittrauern zu müssen, aus den verschiedensten Gründen die hier im Einzelnen nicht näher erwähnt werden sollen, weil es ganz einfach zu weit führen würde und den Grund der heutigen Veröffentlichung verwässern könnte.

Bis hierhin keine Frage, dass ich hier irgendwelche Einwände dagegen erheben würde.

Aber alles was darüber hinaus geht ist mir persönlich eine heftige Spur zu groß ausgefallen und vor allem stört mich hieran, wie die Medien und die trauernde Öffentlichkeit sich nahezu ausnahmslos Gedanken darüber macht, wie es zum Tod von Robert Enke gekommen ist und wie in erster Linie die Hinterbliebenen der Familie um Robert Enke damit klarkommen.

Und dabei komme ich auf den NWZ Kommentar von Otto-Ulrich Bals zu sprechen, der mit seiner Kommentierung und Berichterstattung Pate für alle Medien steht, wie dieses tragische Ereignis öffentlich "vermarktet" wurde!

Eine Kirche die noch nicht einmal 24 Stunden später nach dem Tod von Robert Enke eine Sonderandacht veranstaltete, die im Fernsehen auch noch life (!) übertragen wurde, 40.000 trauernde Fans die durch Hannover pilgerten, bis hin die Aufbahrung des Sargs von Herrn Robert Enke im Fußballstadion von Hannover 96.

Anschließend fragt der NWZ Sportjournalist Otto-Robert Bals in seinem Kommentar: Was bleibt nach dem Tod von Robert Bals in zwei -, in acht Wochen oder nach einem Jahr?

Antwort: Die Welt dreht sich weiter und ansonsten bleibt nichts!

"Zu kurz gesprungen, Herr Bals, wie ich meine!"

Es bleibt eine Menge, nach dem Tod von Robert Enke.

Leider nicht so publikumswirksam, wie der Suizid von Herrn Robert Enke den die Medien und Teile der Öffentlichkeit zum Nationalhelden von ganz Deutschland machten.

Und hier fängt die Sache für meinen Geschmack vollkommen aus dem Ruder zu laufen.

Wir wollen einmal festhalten, dass hier eine Person sich vor einen Zug geschmissen hat und damit den Lokführer in einen Schockzustand versetzt haben muss, was ich mir persönlich bildlich noch nicht einmal im Entferntesten gedanklich (!) vorstellen möchte, was dieser Lokführer gesehen haben muss und unter welchen Albträumen dieser Lokführer noch in Jahren leiden wird.

Physisch und Psychisch dürfte dieser Lokführer für sein Leben gezeichnet sein.

"Herr Bals, das wird nach dem Suizid für den Lokführer und dessen Familienangehörigen bleiben!"

Denken möchte ich an dieser Stelle auch an die Rettungskräfte, die Herrn Robert Enke von den Gleisen usw. - ich erspare mir weitere Details, die sich jedoch jeder denken kann - holen mussten.

Eins dürfte feststehen: Ein besonders schöner Anblick dürfte dies für die Rettungskräfte nicht gewesen sein.

Ob diese Rettungskräfte, vor denen ich den Hut ziehe, die diese schwere Aufgabe ehrenamtlich (!) übernehmen, geschult sind, möchte ich an dieser Stelle wohlwollend voraussetzen. Aber auch bei diesen Helfern dürften sich bei dem einen oder anderen noch in langer Zeit danach fürchterliche Bilder durch den Kopf abspielen, die unser Vorstellungsvermögen bei Weitem übersteigen dürfte.

Wie bereits gesagt: Respekt auch gegenüber diesen Personenkreis an dieser Stelle!

"Herr Bals, auch das wird nach dem Suizid von Robert Enke für Teile der Rettungskräfte bleiben."

Suizid ist keine Heldentat!

Durch Robert Enkes Tod wurde jedoch jemand zum Held gemacht, der in meinen Augen keiner war.

Herr Robert Enke mag durchaus bis zu seinem Suizid ein guter Familienvater gewesen sein, eine engagierte Person, die sich für das Allgemeinwohl ehrenamtlich eingesetzt hat und war durchaus ein toller Torhüter.

Aber war Herr Robert Enke, nach dem er sich vor einen Zug geschmissen hatte, heute danach auch noch ein guter Familienvater für dessen Hinterbliebene Frau und Kind die mit diesem tragischen Erlebnis weiterleben -, sowie mit dem erlebten für die Zukunft klar kommen müssen?

Ich habe da so meine Zweifel! Verantwortungsvolle Familienväter sehen nach meiner Vorstellung anders aus bei allem Verständnis für ihr Krankheitsbild.

Wie kann man jemanden zum Volkshelden machen und ihn öffentlich in einem Stadion (!) aufbahren, der einen Lokführer und dessen Familie, sowie vermutlich auch den einen oder anderen Rettungshelfer tief ins Unglück stürzte?

Angesichts dieser Faktenlage ist es für mich vollkommen unverständlich, wie sich hier Personen im öffentlichen Rampenlicht stellen vom Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder angefangen, über die Bundeskanzlerin Angela Merkel, bis hin zum Ministerpräsidenten Christian Wulff der sogar noch eine Trauerrede hielt und von Menschen sprach, die man brauchen würde mit allen ihren Ecken, Kanten und mit ihren Schwächen.

Gesülze eines Ministerpräsidenten dessen Kommentierung an dieser Stelle vollkommen überflüssig ist, da uns das tägliche Leben eines Besseren belehrt!

Wer von diesen "ehrenwerten" Politikern hat die Traurede gehalten für die Hinterbliebenen der vielen übrigen Suizidgeschädigten in unserem Lande?

Vergessen wir auch nicht diejenigen Familien - es sind immerhin 10.000 Suizide jedes Jahr, wovon sich 1.500 vor den Zug werfen -, die einen nahe stehenden Familienangehörigen durch Suizid in ähnlicher Art und Weise, wie die Familie von Robert Enke, verloren haben und nun durch die geballte Medienpräsenz dieses persönliche schreckliche Ereignis für jeden einzelnen Betroffenen über Nacht voll ins Bewusstsein zurückgerufen wurde, was viele gerne vergessen wollten, um so ihren Schmerz besser verarbeiten zu können, sofern man es überhaupt jemals schafft.

"Herr Bals, auch das wird nach dem Suizid von Robert Enke für Teile der Öffentlichkeit mit Suizid Erfahrungen bleiben."

Wer Suizid begeht mag seine Gründe dafür haben.

Aber er hinterlässt Familienangehörige und Freunde die anschließend schwer damit umgehen können, weil sie Mitverantwortlich für diesen Suizid sind, da sie versagt haben, Zeichen des Suizidgefährdeten zu Lebzeiten nicht rechtzeitig erkannt zu haben, um den Suizid zu verhindern.

Wenn dann noch unbeteiligte Dritte beim Suizid hinzugezogen werden, wie bei einem Zugunglück, dann bekommt die gesamte schreckliche Angelegenheit einen - ich will es einmal vorsichtig ausdrücken - faden Beigeschmack.

Bei allem Verständnis für diejenigen die Suizid begangen haben, die sich in einer äußerst verzweifelten und ausweglosen Situation befunden haben müssen, um so eine Tat umzusetzen, sie sind keine Helden und erst Recht nicht dann, wenn unbeteiligte Dritte hinzugezogen werden, die durch den Suizid in ihrem weiteren Leben gezeichnet werden.

Fast ausnahmslos alle Medien, wozu auch die NWZ Berichterstattung zählt und insbesondere die Kommentierung von Herrn Bals, würdigten Robert Enke und dessen Verdienste.

Aber keiner dachte an den Lokführer, die Rettungskräfte und die vielen Betroffenen in unserer Gesellschaft, die genauso wie Frau Enke einen nahe stehenden Mitmenschen verloren haben und dabei waren, dass verarbeitete zu vergessen.

"Das, Herr Bals, wird für mich bleiben!"

Viele meiner Leser werden sich nun fragen, woher nimmt sich ein Herr Brandhorst das Recht heraus in aller Öffentlichkeit über dieses schreckliche Ereignis ein Urteil zu bilden?

Ich selbst habe einen Bruder durch Suizid verloren und weiß wovon ich rede.

Euer

- Uwe Brandhorst -


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